– DER RISS IM FIRMAMENT –
Artifex-Logbuch · Eintrag 02
…was ist passiert…
…wo bin ich…
Langsam komme ich wieder zu mir. Ich öffne die Augen — meine Sicht ist verschwommen, ein schrilles Pfeifen liegt in meinen Ohren. Ich spüre, wie meine Sinne allmählich zurückkehren, wie mein Bewusstsein sich mühsam zusammensetzt. Kälte kriecht in meine Haut. Ich liege auf hartem, felsigem Boden. Erst nach einigen Atemzügen merke ich, dass ich meine Finger, Hände und Füße wieder bewegen kann.
Ich versuche mich aufzurichten. Ein Schwindelstoß fährt mir durch den Kopf und zwingt mich, auf den Knien zu bleiben. Mein Blick hebt sich — Schatten, Rauch, Nebel. Alles um mich herum liegt in einer unnatürlichen Stille. Keine Geräusche, kein Wind, keine Orientierung.
Langsam klärt sich meine Sicht, und in der Ferne erkenne ich ein rotes Schimmern, das sich durch die Schatten frisst. Ich zwinge mich aufzustehen und gehe Schritt für Schritt darauf zu. Mit jedem Schritt werden meine Sinne schärfer, mein Gang sicherer, mein Geist wacher.

Was ist hier geschehen?
Warum bin ich hier?
Ich erinnere mich an nichts…. Keine Explosion. Keine Schreie.
Nur… Stille und Dunkelheit.
Das rote Glühen wird klarer. Da — plötzlich ein gleißend roter Blitz am Firmament. Die Erde bebt unter meinen Füßen. Ein tiefes, grollendes Echo hallt durch die leere Ebene. Ich blicke nach oben und flüstere:
„Zeryon…?“
Wie konnte diese Dunkelheit aus Aerion entkommen?
Jahrhunderte lang hielt der Turm Aerion das Gleichgewicht der Mächte.
Der Nebel lichtet sich, je näher ich dem roten Schein komme. Nur wenige Schritte weiter öffnet sich vor mir eine große Ebene. Alles ist zerstört. Ein Trümmerfeld aus Stein, Obsidian, Metall und zersplitterten Fragmenten, deren Signaturen noch im Boden glühen.
Dann trifft es mich.
Wie ein Schlag mitten ins Bewusstsein.
Ich weiß, wo ich bin!
Hier stand der Turm Aerion.
Diese zerborstenen Brocken und schwebenden Steinplatten — das waren einst die Hallen, die ich selbst geformt habe. Aerion ist nicht einfach eingestürzt. Er wurde aufgerissen. Als hätte eine uralte Kraft ihn von innen heraus zerfetzt und seine Überreste über das Land geschleudert.

Ich setze meinen Weg fort, nähere mich dem zerstörten Zentrum Aerions.
Plötzlich fährt ein blauer Blitz aus dem Boden in den Himmel, begleitet von einem donnernden Knall, der durch die zerstörte Ebene hallt.
Aureon.
Die Macht des Lebens, des Lichtes, der Wiederherstellung.
Der Gegenpol zu Zeryon.
Und doch…
ich verstehe nicht, was hier geschehen ist.
Aureon und Zeryon waren immer in Gleichgewicht.
Kein Schatten ohne Licht. Kein Leben ohne Verfall.
Aerion bildete die dritte Macht — grün, Struktur und Ordnung —
und hielt die beiden gegensätzlichen Kräfte im Turm in Einklang.
Doch der blaue Blitz erlischt so schnell, wie er gekommen war.
Zurück bleibt nur der große Riss, den Zeryon sowohl in den Boden als auch in den Himmel geschlagen hatte.
Mein Blick wandert weiter — hinter die Trümmer, hinein in das Waldstück jenseits der Ebene. Dort sehe ich wieder das rote Glimmen. Ich folge ihm, bis ich vor einer zerklüfteten Felswand stehe. In einem schmalen Spalt pulsiert ein roter Kristall.
Und ich erkenne ihn sofort.
Ein Splitter.
Ein Bruchstück aus dem Zeryon-Kern, der im Herzen des Turmes ruhte.
Ich trete näher.
Zeryon ist nicht der Täter.
Zeryon ist das Ergebnis des gebrochenen Gleichgewichts.
Entfesselte Zerstörung. Ungebändigte Entropie.
Der Turm Aerion ist gefallen.
Aureon fehlt.
Und Zeryon ist die einzige Kraft, die ohne Gegenpol übrig bleibt —
und sich nun ungehindert ausbreitet.
Ich hebe meine Hand. Der Splitter reagiert — nicht wie ein Objekt, sondern wie eine Erinnerung, die mich erkennt. Als wüsste er, dass ich derjenige bin, der den Turm einst gebaut, die Kräfte einst gebunden hat.
Als der Kristallsplitter meine Haut berührt, beginnt er zu zischen.
Nicht wie Luft — sondern wie Struktur, die sich neu formiert.
Linien aus Licht zucken über die Oberfläche.
Und dann bricht ein Bild in meinen Geist.

Ein Turm, der nicht einstürzte —
sondern entzweigeschnitten wurde.
Kein Feuer.
Kein Sturm.
Nur ein stiller, unaufhaltsamer Riss, der sich durch Stein und Energie fraß wie ein Gedanke, der zu mächtig war, um verdrängt zu werden.
Ich sehe Räume, die sich auflösen.
Treppen, die sich dehnen und zu Schlieren auseinandergezogen werden
Licht, das rückwärts fließt.
Und im Zentrum von allem —
ein dunkler Kern, der sich zusammenfaltet, als wolle er sich vor etwas verbergen.
Ich sehe die drei Kräfte:
Aureon — blau, warm, heilend, ringend darum, die Risse zu schließen.
Aerion — grün, strukturiert, aber zerbrechend, wie zu dünnes Glas.
Zeryon — rot, ein flüsterndes Echo, das überall dort erscheint, wo Ordnung versagt.
Und dann sehe ich etwas, das mich lähmt.
Ich sehe mich selbst.
Im Kern des Turms.
Mit ausgestreckten Armen.
Eingehüllt in ein Licht, das keiner der drei Kräfte gehört.
Ein vierter Funken.
Eine Kraft, die ich nie benannt habe.
Ein Fehler?
Eine Gabe?
Eine Ursache?
Der Splitter reißt mich aus der Vision.
Ich stehe wieder am Rand des Waldes, den roten Kristalls in meiner Hand. Er glimmt nicht mehr. Kein Licht, kein Puls, keine Energie. Als hätte er alles, was er mir zeigen konnte, in diesen Moment gelegt.
Ich stecke den Splitter ein, drehe mich um und blicke nach Norden.
Dorthin, wo der Blitz Aureons in den Himmel fuhr.
Dorthin, wo vielleicht Antworten liegen.
Alles ist still.
Nur der klaffende rote Riss am Firmament spendet Licht.
Und so gehe ich los.
Nicht auf der Suche nach Trümmern —
sondern nach der Wahrheit.
Warum Aerion gefallen war.
Warum das Gleichgewicht zerbrach.
Und welche Rolle ich selbst darin gespielt habe….