Fragment 003

Zeryon Fragment
Fragment
Fragment 003
Typ
Artefakt-Kern
Zugehörige Kraft
Aerion
Status
geborgen, inatkiv
Fundort
Zerstörtes Gebäude im Dorf
Rune
Rune III – Das zerrissene Dorf

– DAS ZERRISSENE DORF –

Artifex-Logbuch · Eintrag 03

Ich machte mich auf nach Norden, dorthin, wo der gleißend blaue Blitz Aureons verschwunden war. Meine Reise zog sich Tag um Tag, Woche um Woche. Der rote Riss am Himmel, den Zeryon in das Firmament geschlagen hatte, schien endlos und zog sich wie eine Wunde über die Welt.

Die Welt schien aus den Fugen geraten.
Überall in der Natur fand man das rote Glimmen von Zeryon, als hätte seine entfesselte Macht die Welt ins Chaos gestürzt.

Rot leuchtende Wasserfälle, deren Wasser reglos in der Luft stand.
Ein Hirsch mit einem rot glühenden Geweih, der ziellos in den Himmel starrte.
Pflanzen, die falsch herum wuchsen und ihre Blüten in den rot glimmenden Boden drückten.

Was war nur geschehen?
Warum war Zeryon so über die Welt gefahren?

Mit jeder Nacht wurden meine Träume deutlicher… doch waren es wirklich nur Träume? Oder waren es Erinnerungen?
Ich sah das Gleichgewicht der Mächte — wie Aureon und Zeryon in Verbindung die Welt erblühen ließen. Wenn ich nun über die Ebenen wanderte, konnte man sich kaum vorstellen, dass eine Macht, die einst Leben gebracht hatte, nun alles in Scherben riss.

Eines Tages ging ich durch einen finsteren Wald.
Die Bäume flüsterten Worte, die ich nicht verstand.
Die Blätter raschelten im Wind, obwohl es vollkommen windstill war.
Sogar die Geräusche der Natur schienen verzerrt — als wären sie Echos aus der Vergangenheit.
Und überall fand man wieder dieses rote Glimmen…

Viele Wochen vergingen, und langsam fürchtete ich, dass ich der Einzige war, der die Zerstörung des Turmes und die Folgen überlebt hatte. Überall sah man die Verwüstung Zeryons.
Doch was vollkommen fehlte, war ein blauer Schimmer:
keine Spur von Aureon.
Keine Zeichen.
Nichts.

War seine Macht völlig erloschen?

Am Ende des Waldes sah ich plötzlich Rauch — doch er stieg nicht auf.
Es wirkte, als würde er vom Himmel zurück in einen Schornstein gezogen.

Ein Dorf.

Schnellen Schrittes eilte ich hinaus aus dem Wald in Richtung der Häuser.

Als ich das Dorf betrat, bemerkte ich sofort, dass es genau unter dem Riss im Firmament lag. Das rote Licht lag wie ein Schleier über allem.
Menschen und Tiere wirkten… verändert.

Ich ging durch die Straßen.
Niemand blickte mich an.
Alle hatten den Kopf gesenkt, als wären sie gebrochen.
Ich sprach einige an, doch ihre Antworten waren verworren und kaum verständlich.
Keiner konnte mir sagen, was geschehen war oder ob es noch weitere Menschen gab.

Die Tiere starrten reglos in den Himmel, ihre Pupillen weit aufgerissen, glänzend im roten Schimmer.
Zeryon hatte alles verändert.
Menschen, Tiere, Pflanzen — alle schienen wie in Trance, als hätte jemand ihnen den Verstand genommen.

Am Rand des Dorfes lag ein großes Weizenfeld.
Zerstört.
Der Boden glühte rot, die Ernte war verloren.
Nur die nackten Halme ragten noch aus dem glimmenden Boden.

Ich ging zurück zwischen die Häuser.
In einer engen Gasse knarrte plötzlich eine Tür.
Eine alte Frau starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an.

„Geh weiter… bleib nicht stehen… das rote Licht Zeryons wird dich brechen…“

Die Tür knallte zu.

In manchen Fenstern standen Menschen einfach nur da, den Blick gen Himmel gerichtet, als könnten sie durch die Dächer hindurch den Riss sehen.
Andere hielten sich die Ohren zu und murmelten Laute, die an Zeryon erinnerten — aber die Sprache war gebrochen und unverständlich.

Zum ersten Mal fragte ich mich, ob es meine Schuld war, dass sie so waren.
Bin ich für den Fall des Turmes verantwortlich?
Habe ich Zeryon entfesselt?

Ich setzte meinen Weg durch das Dorf fort.

Da hörte ich eine Stimme.

„Hey…“

Ich drehte mich um.

Ein Kind stand dort — ein Junge, höchstens acht Jahre alt.
Er war der einzige, dessen Augen klar waren.

„Du bist… anders“, sagte der Junge. „Du hörst es nicht, oder?“

„Was höre ich nicht“, fragte ich.

Er sah hinauf, direkt in den roten Spalt.

„Die Welt… sie zerbricht.“

Er griff ohne zu zögern meine Hand.

„Komm. Ich muss dir etwas zeigen.“

Wir gingen durch eine dunkle Gasse zu einem halb eingestürzten Haus.
Unten, in einer Grube zwischen den Felsen lag etwas vergraben.
Der Junge wischte Erde beiseite — und zwischen den Steinen blitzte Gold auf.

„Ist das… wie kann das sein?“
Ich beugte mich hinunter.

Zwei dunkle Steinspitzen, glatt wie Obsidian, und zwischen ihnen ein goldener Kern.
Ich erkannte ihn sofort.

Der Solinar-Kern.
Einst auf der Spitze des Turmes Aerion — eines der wichtigsten Bauteile zur Kontrolle der Mächte.

„Woher hast du das?“, fragte ich.

„Sie haben es nach dem Brennen gefunden“, sagte der Junge. „Nach dem…“

Er suchte nach einem Wort.
Dann flüsterte er:

„…nach dem Shatter’s Fire.“

Mir stockte der Atem.

Ich kannte diesen Begriff nicht — und doch fühlte er sich an wie etwas, das ich selbst erschaffen hatte.

„Was bedeutet das?“, fragte ich.

Der Junge zuckte mit den Schultern.

„Die Alten sagen, als der Turm fiel, war das kein Einsturz. Es war ein Feuer ohne Flammen. Ein Licht ohne Farbe. Alles wurde… gespalten.“

Ich sah wieder auf den Solinar-Kern.
Warum erinnerte ich mich an ihn… aber an kaum etwas anderes?

Ich berührte den goldenen Kern.

Plötzlich flackerte der Himmel.

Ein blauer Blitz schoss direkt auf uns zu.
Kalt.
Hart.
Schneidend.

Der Junge duckte sich —
ich aber starrte in das Licht.

Eine Gestalt stand darin.

Nicht ganz Mensch.
Nicht ganz Licht.
Eher ein Gedanke, der versuchte, Form zu werden.

Eine blaue Silhouette, scharf umrissen.

Aureon.!

Keine Halluzination.
Er war da.
Er sah mich an.

Und tief in mir antwortete etwas —
ein Funken, ein Echo.

Dann verschwand er.

„Du hast es gesehen… oder?“, flüsterte der Junge…

Ich nickte.

„Sie sagen, der Turm wurde zerstört, weil eine Macht zu groß wurde. Weil sie entkommen musste.“

Dann sah er mich plötzlich mit erschreckender Klarheit an.

„Du bist der Artifex, nicht wahr?“

Mein Herz raste.

„Ich… bin der Artifex? Aber… was soll das bedeuten?“

Der Junge wandte sich ab.

„Wenn du nicht mehr weißt, wer du bist…
wer soll uns dann noch retten…?“

Er drehte sich um und verschwand in den Gassen des Dorfes.

Ich nahm das Artefakt in die Hand.
Es fühlte sich an wie Erinnerung.
Wie Wahrheit.
Wie ein Schlüssel, den ich selbst geschmiedet hatte.

Ich blickte nach Norden.
Dorthin, wo Aureon verschwunden war.

„Ich folge dem Licht“,
„Bis ich weiß, wer ich war —
und was ich getan habe.“

Dann verließ ich das Dorf
und setzte meinen Weg nach Norden fort.